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Gestört aber gelungen

Am 8. Februar 2017 begab sich der Grundkurs Deutsch und einige Schüler des Leistungskurses in das Schauspielhaus nach Leipzig, um 19.30Uhr die Inszenierung von „Maria Stuart“ zu sehen.
Als erstes muss man sagen, dass man sich wirklich Mühe gegeben hat, das Schauspielhaus in der Großstadt zu verstecken. Hätte ich nicht meinen besten Freund und Helfer, Google Maps, dabei gehabt, hätte ich das in einer schmalen Gasse getarnte Gebäude wohl nicht gefunden. Vielleicht ist die Lage ja Absicht, um „Klingeltonterroristen“ oder „YouTube -attentäter“ fernzuhalten, was anscheinend weniger funktioniert.
Nachdem ich nach einigen Minuten das Gebäude gefunden hatte, hörte ich mir mit meinen Mitschülern und einigen anderen Personen die gelungene Vorbesprechung des Stückes „Maria Stuart“ an.
Dieses, von Friedrich Schiller verfasste Drama, ist ein unbedingtes „Must-have“ im Lehrplan für den gymnasialen Deutschunterricht. Aufgrund seiner immer noch aktuellen Thematik, dem Kampf um immer mehr Macht zwischen bereits mächtigen Personen, zieht es auch heute über 215 Jahre später noch Zuschauer ins Theater.
Inhaltlich geht es um folgendes: Maria Stuart (Anna Keil), Königin Schottlands, sucht Zuflucht bei ihrer Cousine Elisabeth (Bettina Schmidt), die in England regiert. Jedoch beharrt Maria auf den englischen Thron, worauf Elisabeth sie in den Kerker sperrt. Nachdem ein Mordanschlag an der Königin Englands scheitert, findet Elisabeth heraus, dass sich Mortimer (Felix Axel Preißler) zu Maria hingezogen fühlt, und somit beide in den Anschlag verstrickt sind. Elisabeth unterschreibt das Todesurteil für die schottische Königin, welches in die falschen Hände Burleights (Anne Cathrin Buthtz), einem Anhänger Elisabeths, gerät und somit die Hinrichtung Marias besiegelt. Nach und nach werden die Intrigen am Hof deutlich, denn auch der einst Elisabeth treue Leicester (Andreas Keller) wechselt auf einmal die Seiten.
Nach der Vorbesprechung betrat ich, geistig auf die rund zweistündige Vorführung eingestellt, den Saal mit der großen Bühne, welche nur knapp einen halben Meter von der ersten Reihe entfernt und schief wie der Turm von Pisa war. Während des Stückes erhielt ich ein Gefühl der Teilnahme, als wäre ich mitten in der Handlung integriert. Dies ist aber nicht nur der Konstruktion der schrägen, aber kargen Bühne geschuldet. Sowohl durch den, mit der Zeit leicht penetranten, Ton, der immer bei einem Szenenwechsel auftrat und dem Geräusch von abgefeuerten Mörsergranaten ähnlich war, als auch durch das im kompletten Saal auf- und abgeblendete Licht wurde das Publikum praktisch gezwungen sich in das Stück hineinzuversetzen. Um „Maria Stuart“ mit der heutigen und damaligen Zeit zu vermischen, gestaltete der Regisseur das Bühnenbild sehr schlicht und ließ die Schauspieler schwarze Anzüge tragen. Allgemein war das ganze Stück sehr farblos, was aber den positiven Effekt hatte, dass Marias Rolle als Märtyrerin zur Hinrichtung, durch ihr figurbetontes, übertrieben rotes Kleid stärker hervortrat.
Dank der unglaublichen Leidenschaft der Akteure, hätte mich das Stück fast in eine andere Welt versetzt. Die Schauspieler haben vollkommen überzeugt, laut und deutlich in alter Sprache geschriehen, gejammert, gefleht, gefordert und vieles mehr. Das Gleiche gilt für die Körpersprache. Beispielsweise habe ich bis zum Schluss geglaubt, dass der Graf von Shrewsbury wirklich querschnittsgelähmt sei. Im Besonderen muss ich Anne Cathrin Buhtz und Anna Keil erwähnen. Frau Buhtz gelang es herausragend gut ihre männliche Rolle zu spielen. Sie hat nicht einmal unter- oder übertrieben gespielt. Sie hat sogar so gut gespielt, dass ich kurzzeitig überlegen musste, ob Wilhelm vielleicht ein weiblicher Name sein könnte, was sie für mich zur besten Darstellerin des Stückes macht. Anna Keil hingegen hat, meiner Meinung nach, zu überspannt geschauspielert. Nachdem ich das Werk gelesen habe, finde ich, dass Maria zwar kontrolliert ausschweifend an Gefühlen dargestellt werden sollte, aber nicht so stark, dass man sie für psychisch krank hält.
Wenn ich schon mal bei der negativen Kritik bin, kann ich ja auch direkt die Anschläge der „Klingeltonterroristen“ und „YouTube-Attentäter“ erwähnen. Angefangen mit kleineren Scharmützeln von einigen stark vibrierenden Handys, steigerte sich der Kampf dann in ein regelrechtes Feuergefecht  von Handygeräuschen, Apple gegen Samsung, Vogelgezwitscher gegen Nokia Tastentöne. Den Höhepunkt des Anschlags stellten zwei Schüler aus Grimma in der ersten Reihe dar, welche auf die glorreiche Idee kamen LAUT und mit MAXIMALER Helligkeit auf YouTube Videos anzuschauen. Da dies das Personal des Theaters aber anscheinend kalt ließ, mussten die Schauspieler  Anna Keil,  Anne Cathrin Buhtz und Andreas Keller gezwungener Maßen aus ihrer Rolle fallen und die Beiden erst ermahnen und dann dem Theater verweisen. Das die Schauspieler trotzdem ernst blieben und Ihre Rolle schnell wieder aufnahmen, zeugt hier von einer enormen Professionalität.
Da weder die Schauspieler noch die Regie etwas für solche Geschehnisse kann und das eigentliche Stück nahezu perfekt und mit Herzblut vorgeführt wurde, fällt es mir nicht schwer diese Vorführung an jeden weiter zu empfehlen, der sich zwei Stunden von seinem Handy trennen kann und der entweder „Maria Stuart“ gut gespielt sehen will oder sich einfach nur ein gutes Theaterstück anschauen möchte.

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