Logo des Landkreises Leipzig

Kicken und Deutsch büffeln – Böhlen macht junge Flüchtlinge fit für Berufe (LVZ 17.01.18  Julia Tonne)

Ausländische Jugendliche lernen am Beruflichen Schulzentrum in Daz-Klassen / Chancen auf Jobmarkt sind gut

Böhlen. Hassan und Bence, der eine aus Somalia, der andere aus Ungarn, dröseln auseinander, was eine Sozial- und eine Individualversicherung ist. Ihre Aufgabe lösen sie gut, allerdings stehen sie vor einer anderen Schwierigkeit: In den Aufgabenstellungen tauchen die Begriffe Beurteilen, Auflisten, Erklären und Erläutern auf. Mit den Unterschieden tun sie sich noch etwas schwer, allerdings bringen sowohl sie als auch die Lehrer viel Geduld mit.

Die beiden Jugendlichen sind gemeinsam mit neun weiteren Schülern, deren Wurzeln im Ausland liegen, am Beruflichen Schulzentrum (BSZ) Leipziger Land in Böhlen im Berufsvorbereitenden Jahr (BVJ). Auf dem Lehrplan für die 17-Jährigen stehen die Berufsfelder Gesundheit und Wirtschaft, außerdem Deutsch-Unterricht.

Die Jugendlichen, deren Familien nach Deutschland geflüchtet sind, hatten zwar in der Vergangenheit an den Oberschulen der Region Daz-Klassen besucht oder waren bereits in den normalen Fachunterricht integriert worden, hatten allerdings den Hauptschulabschluss nicht geschafft. „Zudem kommen sie mit vollkommen unterschiedlichen Kenntnissen der deutschen Sprache“, erläutert Schulleiter Jörg Großkopf die Herausforderung, vor der Schule und Lehrkräfte stehen. Deshalb sei neben den regulären eine BVJ-Klasse entstanden, die lediglich von den ausländischen Schüler besucht werde.

Die Flüchtlinge, die bereits zu alt sind für den Besuch der Oberschulen, unterliegen der Berufsschulpflicht und werden daher am BSZ in Daz-Klassen unterrichtet. „Und bei den Schülern geht es in erster Linie darum, dass sie Deutsch lernen, in Wort und Schrift“, macht Henrik Frost, Schulsozialarbeiter am BSZ, deutlich. Ziel sei es, sie auf die Ausbildungsreife und Berufsorientierung vorzubereiten.

In der BVJ-Klasse sind die Flüchtlinge schon weiter, hier lernen sie die Feinheiten der deutschen Sprache kennen und erste Grundlagen für das spätere Berufsleben. In diesem Jahr stehen die zwei Felder Gesundheit und Wirtschaft im Fokus, der Stundenplan untergliedert sich in drei Tage Unterricht und zwei Tage Praxis. Die findet im Haus statt – unter anderem im Pflege- und im Computerzimmer. „Ob das Verfassen von Briefen, Arbeit am PC oder eben die Lagerung von Patienten und hauswirtschaftliche Hilfe: Das alles soll die Jugendlichen fit machen für eine spätere Ausbildung“, sagt Frost. Meist gelingt das auch, viele von denen, die am BSZ das berufsvorbereitende Jahr geschafft haben (der Abschluss ist gleichgestellt mit dem Hauptschulabschluss), bleiben in Böhlen, um hier ihre Ausbildung zu machen – als Maler und Lackierer, als Krankenpflegehelfer oder als Kaufmann beziehungsweise Kauffrau im Einzelhandel.

Zum Unterricht gehören für die BVJ-Schüler auch sozialpädagogische Gruppenstunden bei Frost. Hier steht das Lernen genauso im Mittelpunkt wie in den Fachräumen – allerdings auf andere Art und Weise. Der Schulsozialarbeiter lässt seine Schützlinge vor allem spielen: Vier gewinnt, Tischkicker und Knobeleien. „Sie lernen hier soziale Kompetenzen, sie sprechen miteinander, helfen sich gegenseitig“, betont Frost. Was ihm vor allem wichtig ist: er bleibt mit den Schülern in Kontakt, weiß, was sie bewegt und bedrückt. Hassan genießt die Stunde bei Frost jedes Mal, „hier lachen wir viel und können mit ihm über Schwierigkeiten sprechen, die wir in der Schule haben“, begründet er.

Vor etwa zwei Jahren hatte das BSZ sechs Daz-Klassen gleichzeitig, mittlerweile sind es wieder weniger. Und dieser Umstand kommt vor allem den Schülern zu Gute, so ist eine individuelle Förderung eher möglich. Die Jungs der BVJ-Klasse mit ausländischen Wurzeln wissen bereits, wohin ihre berufliche Reise gehen soll. Bence will Kfz-Mechatroniker werden, sein Freund Milad Koch. Ihre Chancen jedenfalls stehen gut, „sie packen das“, ist sich der Schulsozialarbeiter sicher. Denn eines zeichne sie besonders aus: „Sie wollen sich integrieren und arbeiten.“

Schulleiter Großkopf macht sich um die Jugendlichen ebenfalls nur wenige Sorgen. „Denn auch die Lehrer zeigen ein unglaublich großes Engagement“, betont er. Allerdings bleibt dennoch ein Wunsch: „Wir brauchen Kontinuität und Stabilität in der Arbeit mit ausländischen Schülern, die Bildung von Klassen darf nicht ausschließlich von Schülerzahlen abhängig gemacht werden.“

Zum Seitenanfang