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„Zu bunt für diese schwarz-weiß Gesellschaft“  (S. Lodderstedt BG17b)

Ist es sinnvoll einen ganzen Schultag für die Leipziger Buchmesse zu „opfern“? Bringt es uns Jugendlichen die Literatur näher oder ist es im Endeffekt doch nur ein Getümmel von Menschenmassen, dem wir genauso schnell entkommen wollen wie einem Buch, das man als Pflichtlektüre lesen soll?


Im Rahmen eines Schulprojekts waren wir – die Jahrgangsstufe 12, des BSZ Leipziger Land – am 22. März auf der Buchmesse in Leipzig. Wir sollten zu verschiedenen Veranstaltungen gehen und uns eine Meinung über diese These machen. Dabei war es uns freigestellt, wie lange wir uns auf der Buchmesse aufhalten und welche Veranstaltungen unser Interesse wecken.


Begonnen hat der ganze Spaß um 10 Uhr am Morgen. Da freut man sich als Schüler natürlich: „Endlich ausschlafen“. Doch spätestens auf dem Weg zur Messe hat sich diese Freude schnell gelegt. Plötzlich wird man von allen Seiten zerdrückt und überhäuft mit Infos zu den Themen: „Müll in unserer Welt“, „Digitale Schule“ und jeder Menge Cosplayer. Dementsprechend war meine Einstellung zur ersten Veranstaltung, die wir besucht haben: „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve. Ich wusste noch nichts über ihren Roman, aber das würde sich ja bald ändern. Als wir am Literarischen Salon des NRW angekommen waren, knieten schon überall die Leute mit ihren frisch gebügelten Blusen und Hemden. So wirklich unsere Altersgruppe waren diese älteren Herrschaften wohl nicht. Bücher sind halt nichts für junge Leute, oder? Spätestens als dem Mann neben mir das Bücherregal auf den Kopf gefallen ist, dachte ich mir nur: „Das kann ja heiter werden, geht ja zum Glück nicht so lange.“ Aber plötzlich setzt sich eine junge Frau, die direkt mit einer ansteckenden Begeisterung über ihr Buch erzählte. Karen Duve erzählt die Geschichte der Annette von Droste-Hülshoff und die Ereignisse des Sommers 1820. Auf die Frage, warum sie sich gerade für diese Figur aus der Geschichte so interessierte, antwortete sie: „Weil bis heute keiner das Rätsel dieser jungen Frau, die so in ihrer Gesellschaft aneckte und den Verrat in der Familie, lösen kann.“ Schon im ersten vorgelesenen Absatz hört man, dass sie zu abenteuerlich ist für diese „Welt im Korsett“. In Diskussionen mit Männern redet sie immer zu laut und kann sich nicht benehmen. Außerdem verhält sie sich mehr bürgerlich als adlig. Karen Duve, die aus Leipzig kommt, erzählte auch, wie nahe sie sich den Charakteren ihres Romans fühlt. Deshalb plant sie eine „literarische Reittour“ entlang den Spuren der Annette von Droste-Hülshoff. So wie man damals eben gereist ist. Zum Abschluss sagt sie noch: „Die Forschung sagt, wie es war und die Literatur, wie es sich angefühlt hat“


Die halbe Stunde war so schnell vorbei, dass ich eigentlich noch mehr von ihr hören wollte. Ich war mir sicher – dieses Buch möchte ich unbedingt lesen.
Durch diese Eindrücke war es plötzlich gar nicht mehr so schlimm. Ich habe mir verschiedene Bücher angesehen und hatte Lust am liebsten alle zu lesen. Als Nächstes setzten wir uns in eine Menge, ohne zu wissen, was wir uns eigentlich gleich ansehen würden. Es war Poetry Slam an der Leseinsel der jungen Verlage in Halle 5. Gleich zu Beginn steht auf dieser kleinen Bühne ein Mädchen, die in unserem Alter sein könnte. Sie heißt Nuria Glasauer und schon ihr erster Text ist durchzogen von Ironie. Viele Leute sind aufgestanden und gegangen. Zu geschockt von dem, was sie soeben gesagt hat. Aber ihre Themen wurden noch konkreter. Es geht um das Leid, das wir als Jugendliche in dieser Gesellschaft haben. Immer mehr Leute stehen auf und gehen, verschließen die Augen vor dem so Offensichtlichen. Sie redet davon, wie es dem Schwulen geht, nachdem er verprügelt wurde, weil er einen Jungen liebt oder dem Mädchen, das in der Disco einfach angefasst wird, weil sie ein Kleid trägt. „Weil sie zu bunt waren, für diese schwarz-weiß Gesellschaft.“ Mit diesem einen Satz kam mir Gänsehaut. Themen, die uns alle was angehen, verarbeitet sie in einem Text der nicht länger als 5 Minuten geht und erreicht damit so viele Menschen. Das ist für mich Kunst!
Dieser Tag hat bei mir so viele Eindrücke hinterlassen, die ich erst mal verarbeiten musste. Er hat mir einen Vergleich gezeigt, mit welchen Problemen wir heute zu kämpfen haben und um welche Konflikte es damals schon ging. Denn von einer Gleichberechtigung von Frauen und Männern kann ich auch heute noch nicht reden. Der Besuch der Leipziger Buchmesse hat sich auf jeden Fall gelohnt. Er hat mir nicht nur Inspiration für neue Literatur gegeben, sondern mich auch zum Nachdenken angeregt über Themen mit denen wir uns als Jugendliche einfach auseinandersetzen müssen, um in dieser Gesellschaft etwas ändern zu können. Gerade mit Themen wie Toleranz gegenüber anderen. Sehr schön finde ich auch, dass man direkt mit den Autoren über ihre Werke sprechen kann. Somit also aus erster Hand erfährt, was die Autoren dazu bewegt hat, ihre Romane zu schreiben.
Es ist auf jeden Fall für jeden etwas dabei, durch die Vielzahl von Veranstaltungen, die sehr abwechslungsreich sind. Als Schüler muss man sich nur darauf einlassen können. Manche wollten es vielleicht einfach nur hinter sich bringen und wieder nach Hause fahren, aber sehr viele haben den ganzen Tag genutzt für neue Erkenntnisse und Eindrücke, die man auf der Schulbank sicher nicht bekommen hätte. Es soll den Jugendlichen die Literatur näherbringen und das hat es meine Meinung nach geschafft. Deshalb kann dafür ein Tag im Schuljahr genutzt werden!

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