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Assi-Zeit der schlimmsten Sorte

Böhlen. Ein Paar Springerstiefel auf dem Tisch und T-Shirts mit eindeutigen rechten Botschaften dienten als Zubehör eines außergewöhnlichen Projekttages im Beruflichen Schulzentrum Leipziger Land in Böhlen. Eine vom Bildungswerk Sachsen geförderte Veranstaltung am Freitag widmete sich dem Thema Demokratie und Toleranz, der Prävention gegen Rechts. Die Gäste – Aussteiger Jochen und Sozialpädagoge Michael Ankele – sparten im Unterricht der sehr speziellen Art so gut wie nichts aus.

Von SASKIA GRÄTZ

„Eigentlich hatte ich immer Angst jemandem weh zu tun. Merkwürdig, aber als ich das erste Mal zurückgeschlagen habe, genoss ich das Gefühl, Angst verbreiten zu können...“ Die wahre Geschichte eines 19-Jährigen stehe stellvertretend für viele, macht Ankele (55) klar. Seit zwölf Jahren hat er über 80 Jungs und Mädchen beim Ausstieg begleitet. Ein Weg, der es in sich hat, der mit vielen Problemen gepflastert ist: Schwierigkeiten in der Schule, Alkoholmissbrauch, Straftaten, Schulden, Aggressivität, Obdach- und Arbeitslosigkeit. „Wenn du die Miete nicht bezahlst, fliegst du irgendwann raus und landest auf der Straße“, erzählt Jochen. Der hagere Typ mit dem flotten Mundwerk gehört zu den wenigen Ehemaligen, die sich nach dem Ausstieg trauen, darüber zu reden. Alkohol sei „der Treibstoff des Ganzen“ gewesen, gibt der 53-Jährige zu. „Arbeitslosigkeit war ein Grund, warum sie mich bekommen haben“, erzählt der Berliner, der aus einem urkommunistischen Haushalt stammt. Er redet über eine „Assi-Zeit der schlimmsten Sorte“, die nicht cool gewesen sei. Über die Schule, die er „nicht so ernst genommen“ habe, Probleme mit der Polizei, die „schon Standardprogramm bei mir“ waren. Anzeigen von Körperverletzungbis hin zu Hausfriedensbruch und Propagandadelikten. Er erinnert an den „harten Kampf“ einer Alkoholentwöhnung
– „eine absolute Tortur“.

Später geht es um Themen, die bei jungen Leuten ganz wichtig sind: Musik etwa. Die Band „Landser“ stehe als kriminelle Vereinigung auf dem Index, wer deren Musik laut hört, mache sich strafbar, erfahren die Schüler des berufsvorbereitenden Jahres. Die Texte, da ist so viel unerträgliche Scheiße drin“, sagt Jochen und bietet für einen späteren Zeitpunkt ein Experiment an.

Ankele hat einen wahren Musik-Fall mit drastischen Sanktionen ebenso parat wie die negativen Auswirkungen von Tattoos. Er berichtet von einem jungen Mann, dessen braune Gesinnung für jedermann sichtbar war, beim Vorstellungsgespräch sofort zum Ende führte. „Passt auf, was ihr mit eurem Körper macht!“, appelliert er an die Jugendlichen. Ein paar unüberlegte Zwischenrufe werden mit Bedacht diskutiert. Es scheint, als hätten die 16-Jährigen über das Gehörte nachzudenken.

Jochen stieg übrigens aus, nachdem er den NPD-Antrag unterschrieben hatte und ein guter Freund ihn fragte, ob er nun „völlig durchgeknallt“ sei.

Rechte Gesinnung bedient sich einer bestimmten Symbolik. Schwere Springerstiefel gehörten für viele dazu. Foto:

Quelle: LVZ Borna, 15.01.2013 Saskia Grätz

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