Logo des Landkreises Leipzig

 

„Alkohölle“ in der Berufsschule

Theaterleute aus dem Ruhrpott sprechen ein gesellschaftliches Problem an Böhlen.

Das Theaterstück von Beate Albrecht sorgte zumindest zeitweise für ungewöhnliche Stille. „Alkohölle“ thematisiert Alkoholmissbrauch – auf eine ganz drastische und schonungslose Weise. Das Berufliche Schulzentrum Leipziger Land hatte die Schauspieler von „Theaterspiel“, eine Truppe aus Witten im Ruhrpott, nach Böhlen eingeladen. Das Gesundheitsamt des Landkreises finanzierte diese Präventionsveranstaltung. Lohnende anderthalb Stunden, die so manchen zum Nachdenken anregten. Lena (Jessie Jannig), süße 19, ist die Hauptfigur des Stücks. Sie feiert gern, trinkt viel und ist nach einem Partywochenende alles andere als gut drauf. Und so kommt es im Büro der Tante, wo sie ein Praktikum absolviert, zu heftigen Auseinandersetzungen... Es gibt Regeln, die auch für sie gelten, macht ihr die Tante unmissverständlich klar. Aber nicht nur das. Es geht um einen neuen Auftrag einer Spirituosenfirma, die ein neues Mixgetränk der Superlative bewerben will. Ein Auftrag, den Lena toll findet, die Tante indes ablehnen will. Die leidvolle Geschichte, die dahinter steht, klagt den mitunter verhängnisvoll endenden Alkoholmissbrauch an. Eine bittere Wahrheit, mit der Lena plötzlich zu kämpfen hat. Weil ihr Vater, von dem sie so gut wie nichts weiß, bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Selbst verschuldet. Er war mit 3,5 Promille gegen einen Baum gefahren und hatte einen anderen Menschen getötet... Eine Geschichte, die sich wirklich zugetragen haben könnte. „Wir arbeiten
mit trockenen Alkoholikern zusammen“, berichtet die Autorin Beate Albrecht. Mehr als 600mal sei das Stück mittlerweile aufgeführt worden: im Theater, in Suchteinrichtungen, Schulen. Alkoholmissbrauch ist ein gesellschaftliches Phänomen. Zu den Akteuren auf der Bühne gehört Wolfgang Pätsch, der seit mehr als 16 Jahren trockener Alkoholiker ist. Er redet offen über seine Krankheit, die harmlos angefangen habe: Mit 14, 15 Jahren sei er schüchtern gewesen, „ich hatte Angst, Mädchen anzusprechen.“ Mit einem Bier sei es besser gegangen. Jahre später war seine Sucht ausgeprägt: Er verlor die Familie, der Arbeitgeber drohte mit Kündigung.
Wolfgang hörte schließlich auf, machte Entzug. „Es ist niemand zu schaden gekommen“, resümiert der heute 57-Jährige dankbar und sagt, dass sein Leben heute – ohne Alkohol – besser sei. Das Publikum, vorwiegend Schüler, die ein berufsvorbereitendes Jahr absolvieren, quittiert das authentische Stück mit viel Beifall. „Wie kann ich einem Kumpel helfen, der viel zu viel trinkt? Was kann ich bei meinen Eltern tun?“, kommen die ersten zögerlichen Fragen der Zuschauer. Ansprechen statt totschweigen helfe schon, heißt die Botschaft der Theaterleute an die Jugendlichen. Sie nutzen die Gunst der Stunde, um über die Gefahr zu informieren, die der tägliche Missbrauch von Alkohol mit sich bringt, nennen Zahlen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu unbedenklichen Mengen. Und fordern sie auf, ihr eigenes Tun zu überdenken. „Wenn ihr ohne Alkohol keine Party feiern könnt, wird es kritisch“, sagt Albrecht.

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 27.10.2010, Saskia Grätz

 

Zum Seitenanfang