Am 1. Oktober 2026 fand für die Klassenstufen 11, 12 und 13 des Beruflichen Gymnasiums ein Projekttag anlässlich des 20-jährigen BSZ-Jubiläums statt. Es standen verschiedene Projekte zur Auswahl und wir haben uns mit dem Thema Zwangsarbeit und 2. Weltkrieg in unserer Region beschäftigt. 

Wir sind morgens gegen 8:00 Uhr gemeinsam Richtung Gaulis losgelaufen. Unser erster Halt war das Gewerbegebiet. Dort haben wir uns zuerst mit den damaligen Zwangsarbeitern, unter anderem aus Frankreich und Italien, beschäftigt. Außerdem haben wir etwas über die Baracken erfahren: diese wurden dort in den 1940er Jahren errichtet als Unterkünfte für Zwangsarbeiter und nach dem Krieg bis heute weiter genutzt. Auf dem Gelände des Gewerbegebiets Gaulis sind sogar alte Zaunpfähle aus Beton erhalten. Die Zwangsarbeiter waren dort eingesperrt und konnten auch in der wenigen Freizeit nicht in die Stadt. Die Zwangsarbeiter haben in der Landwirtschaft, im Braunkohle-Tagebau und in den Fabriken von Böhlen gearbeitet. In Böhlen wurde Benzin für Kriegsflugzeuge aus Braunkohle hergestellt, weil es in Deutschland kein Öl gibt.

Danach ging es weiter zu einem Feld bei Gaulis. Dort befand sich früher eine Flakstellung. Flak steht für Flugabwehrkanone. Diese Stellung wurde bereits Ende der 1930er errichtet und war Teil des mitteldeutschen Flakgürtels. Dieser verlief in einem Bogen von Halle über Merseburg und Zeitz bis nach Leipzig. Er sollte vor allem die kriegswichtigen Chemie- und Industriegebiete vor den alliierten Luftangriffen schützen, nicht die Zivilbevölkerung. Allein im Jahr 1944 gab es in diesem Flakgürtel ungefähr 1100 schwere Flakgeschütze. Besonders interessant, aber gleichzeitig auch erschreckend, fanden wir die Informationen über die Jugendlichen, die damals als Hilfspersonal bei der Flugabwehr eingesetzt wurden. Sie mussten mitunter Tag und Nacht arbeiten, weil erwachsene Soldaten an der Front waren. Die Jugendlichen mussten beispielsweise Munition schleppen und verstauen. Alle Flakhelfer waren in unserem Alter. Wir sind selbst erst zwischen 16 und 20 Jahre alt und können uns kaum vorstellen, in diesem Alter nicht einfach zur Schule zu gehen, Zeit mit Freunden zu verbringen oder über unsere Zukunft nachzudenken, sondern stattdessen mitten in einem Krieg solche Aufgaben übernehmen zu müssen. Der Gedanke, dass so junge Menschen diese Erfahrungen machen mussten, war für uns wahrscheinlich einer der erschreckendsten Punkte des Tages. 

Zum Schluss besuchten wir den Böhlener Friedhof. Dort sind 31 zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bestattet. Diese Menschen waren zwischen 17 und 34 Jahre alt und kamen u.a. aus der Sowjetunion, also aus Russland und der Ukraine sowie Belgien. Sie starben bei den alliierten Luftangriffen am 18.05.1944 auf die Industrieanlagen in Böhlen und Lippendorf. Sie wurden anschließend würdig beigesetzt, was eigentlich damals nicht üblich war. Heute erinnern 19 Grabsteine aus schwarzem Marmor an die Verstorbenen. Auf ihnen stehen ihre Namen und Lebensdaten. Gerade dort wurde für uns noch einmal deutlich, dass es sich nicht einfach nur um Zahlen aus einem Geschichtsbuch handelt. Hinter jedem Namen steht ein Mensch, der einmal ungefähr so alt war wie wir, der wahrscheinlich genauso Freunde, Familie und Pläne für sein Leben hatte wie wir heute. Wenn man dann vor den Grabsteinen steht und sieht, wie jung einige der Verstorbenen waren, ist das schon ein sehr bedrückendes Gefühl. 

Im Endeffekt war der Spaziergang für uns sehr ruhig, aber gleichzeitig auch sehr eindrucksvoll. Durch die Möglichkeit, uns selbstständig zu bewegen und eigene Entscheidungen zu treffen, konnten wir den Spaziergang auf unsere eigene Weise erleben. Dadurch war er für uns nicht nur informativ, sondern auch interessant und zum Nachdenken anregend. Besonders der Besuch auf dem Friedhof und die Gedenkminute waren für uns sehr bewegende Momente. Die Zeit verging für viele von uns sehr schnell, weshalb wir uns im Nachhinein sogar gewünscht hätten, noch etwas mehr Zeit zu haben. Auch die Vorstellung darüber, was die Menschen damals durchmachen mussten und wie sie sich dabei gefühlt haben könnten, hat uns beschäftigt. Dadurch wurde uns noch einmal deutlich, dass es sich nicht nur um Geschichte aus einem Schulbuch handelt, sondern um das Schicksal echter Menschen. Insgesamt nehmen wir aus dem Spaziergang nicht nur neues Wissen über die Vergangenheit mit, sondern auch viele Gedanken und Eindrücke. Er hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und die Erinnerung an die Menschen und ihre Schicksale zu bewahren.

Text und Bilder: A. Schmidt